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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
- evangelische Trägerverbände
- ev.Akademie Bad Boll
- Bischof Huber
- Diakonie Bayern
- Dierk Schäfer, ev. Akademie Bad Boll
- offener Brief an Gohde
- Wittekindshof
- Bethanien-Schwestern
- Deutschlandradio Kultur
- Sendung vom 15.2.2006

-Ordenskorrespondenz

Aktuelle Artikel von Peter Wensierski im SPIEGEL hier...

Kontakt zu
Peter Wensierski hier...

Das ehemalige Heimkind Klaus Linnenbrügger bemüht sich um eine Aufarbeitung seiner Erlebnisse im Wittekindshof.
Er hat seine Geschichte hier aufgeschrieben....

und erhielt diese Antwort:

Wittekindshof - Diakonische Stiftung für Menschen mit Behinderungen
Anke Marholdt, Pressesprecherin, Zur Kirche 2, 32549 Bad Oeynhausen
Tel.: (0 57 34) 61-11 33, Mobil: (0173) 5 29 76 10, anke.marholdt@wittekindshof.de

Bad Oeynhausen, 12. Mai 2006
 

Presseinformation

Vorstandssprecher Pfarrer Horst Ritter, Theologischer Vorstand

Stellungnahme zu dem von Klaus Linnenbrügger vorlegten Bericht über sein Leben in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in den Jahren 1948-1966

Die von Klaus Linnenbrügger aus Essen vorgelegte Darstellung über sein Leben in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in den Jahren 1948 bis 1966 ist erschreckend. Das, was Klaus Linnenbrügger beschreibt, stellt in verschiedenen Facetten eindeutig eine Verletzung der Menschenwürde dar und ist unvereinbar mit dem christlichen Menschenbild. Trotzdem: Es gibt keine Belege für die Vorwürfe (z.B. unangemessene Verabreichung von Psychopharmaka, Gewaltanwendung durch Schläge und Tritte, sexueller Missbrauch). Nach allem, was wir heute wissen, hätten insbesondere Vergewaltigung und Schläge auch damals eine Kündigung nach sich gezogen, wenn sie bekannt geworden wären. Die Diakonische Stiftung Wittekindshof hat einen Historiker beauftragt, eine Untersuchung zu den Lebensumständen in der Nachkriegszeit zu erarbeiten. In die Arbeit sollen die Erinnerungen von Klaus Linnenbrügger ebenso einfließen, wie die Erinnerungen anderer Frauen und Männer, die damals in Wittekindshofer Häusern gelebt und gearbeitet haben.

Ich habe Herrn Klaus Linnenbrügger in die Diakonische Stiftung Wittekindshof eingeladen, um in einem persönlichen Gespräch offene Fragen zu besprechen. Die Gesprächsbereitschaft soll dazu beitragen, die Lebensgeschichte von Herrn Klaus Linnenbrügger in ihrer Ganzheit ernst zunehmen. Herr Jürgen Gohde, der Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat dazu aufgefordert, das Schweigen über das Leben in Wohnheimen der Nachkriegszeit zu brechen. Frauen und Männer können so Respekt und Anerkennung wiedergewinnen, die ihnen oft jahrzehntelang dadurch vorgehalten wurde, dass ihre Lebenserfahrungen in Wohnheimen tabuisiert und oft als unwahr zurückgewiesen wurden.

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof hat bereits Mitte der 90er Jahre Klaus Linnenbrügger auf Anfrage Einsicht in seine Krankenakte ermöglicht, die insgesamt ein viel freundlicheres, d.h. auf seine Stärken und Fähigkeiten eingehendes Bild von ihm zeichnet, als in dem von ihm ausgewählten Zitat zu Beginn seiner Darstellung. Mehr können wir dazu in der Öffentlichkeit nicht sagen, weil wir als Träger aus Datenschutzgründen zur Verschwiegenheit verpflichtet sind. Wir haben Herrn Linnenbrügger angeboten, in einem persönlichen Gespräch die von ihm aufgeworfene Rentenfrage zu erörtern.

Die Erinnerung an die Zeit nach Kriegsende soll in Zukunft gefördert werden. Ohne Zweifel gab es in der Nachkriegszeit allgemein andere pädagogische Vorstellungen als heute. Wenn Herr Linnenbrügger schreibt, dass zwei Mitarbeiter für 18 Jugendliche verantwortlich waren –und das war so – so ist nicht auszuschließen, dass es zu Überforderungssituationen hat kommen können. Wir müssen alles daran setzen, dass wir eine solch mangelhafte personelle Situation nicht durch die Reduzierung der Standards wiederholt. Menschliches Fehlverhalten kann also nie ganz ausgeschlossen werden. Darum müssen Strukturen erhalten bleiben, um es schon im Keim zu ersticken. Zwei wichtige Instrumente, die seit einigen Jahren in der Diakonischen Stiftung Wittekindshof eingeführt und praktiziert werden, sind das Qualitätsmanagement und das Beschwerdemanagement. Seit einiger Zeit absolvieren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spezielle Fortbildungen zur Verhinderung von Gewalt im Arbeitsalltag oder erhalten die Möglichkeit zur Supervision und Beratung, um auch in sehr schwierigen Situationen die Menschenwürde und die Ebenbildlichkeit Gottes, die in jedem Menschen begegnet, nicht zu verletzen.

Bad Oeynhausen, 12. Mai 2006

 

Die Nachwehen der Nazizeit

Dokumentation: Klaus Linnenbrügger, geb. 24.07.1943 in Bielefeld

Ort des Geschehens: Westf. Heil- und Pflegeanstalt Wittekindshof Haus Morgenstern
Alle Häuser sind Gotteshäuser.
Einweisung, weg-/ eingesperrt Zeitraum 11.03.1948 - 04.04.1966

Geistige und körperliche Entwicklung

Keine Kinderkrankheiten, zeitweise störrisch und zur Absonderung geneigt. Kein Bettnässen, Erziehbarkeit schlecht, ängstlich verschlossenes Gemüt. Sein geistiger Zustand wurde seit der Aufnahme im Kinderheim Grünau bei Schötmar bemerkt. Zeitweise bösartig und lebhaft. Schlägt dann die anderen Kinder. Psychiatrischer Befund: Es ist schwer, den Jungen zum Reden zu bringen, meist sieht er störrisch zu Boden und spielt mit den Händen. Ist uninteressiert an Fragen und der Umgebung. Er ist sauber. Lässt sich nicht in die Gemeinschaft anderer Kinder eingliedern.

Wittekindshof Haus Morgenstern Exekutive:

Psychiatrie letzte Instanz über Leben und Tod. Eingeliefert zu Wittekindshof Haus Morgenstern mit 5 Jahren alles unter ein Gotteshaus. Es gab dort 2 Psychiater, Herrn Sch. und Herrn S., in Wittekindshof. Die Betreuung fand durch die sogenannten Brüder (Diakone) statt. Zwei Brüder (Diakone) waren für 18 Kinder zuständig. Von den Brüdern hörte ich jeden Tag: "Du hast hier nichts zu sagen". Manchmal habe ich auch eine Lutschtablette von einem Bruder bekommen, auch wurde es mir schlecht hinterher, wie ich aufwache, lag ich im Bett. Die Brüder teilten die Medikamente (Psychopharmaka) dreimal täglich aus. Oft sah ich Kinder nach den Medikamenten zusammenklappen. Entweder wurden die Kinder von den Brüdern ins Bett verfrachtet oder einfach auf dem Boden liegen gelassen. Wenn ich ein Kind aufheben wollte, wurde mir angedroht, Schläge zu bekommen, ich sollte sie so liegen lassen. Manche Kinder standen unter Tabletten bedingten Wahrnehmungsverlusten, so dass einige sogar die Treppe hinunter stürzten oder im Flur einfach zusammensackten. Manche Kinder haben sich eine Kopfwunde zugezogen und es hat geblutet. In einer Gruppe starb der H. über Nacht. Er hatte immer im Rollstuhl gesessen aufgrund seiner gelähmten Beine. Der Bruder konnte mir über die Todesursache von H. keine Auskunft geben. Ich ging viel in andere Gruppen.

Reklame für Zeitungen haben wir falten müssen.

Ich wurde umerzogen von links- auf rechtshändig schreiben, dazu wurde mir mit einem Stock auf die Finger geschlagen.

Ich sah, wie einige Kinder an das Bett gefesselt waren. Ich war eingesperrt in dieser Zeit, das heißt, ich konnte nicht ohne Erlaubnis frei irgendwo hingehen außerhalb des Komplexes des Wittekindshofes. Der Wittekindshof wurde von unterschiedlichen (Besichtigungs-) Gruppen besucht, denen es nicht verwehrt wurde, wenn wir vom Duschen nackt über den Flur zur Station gehen mussten.

Im Schul- und Konfirmandenunterricht wurden die Kinder geschlagen und ins Kreuz getreten. Das heißt, wenn man etwas nicht konnte, bekam man Schläge oder wurde getreten oder eingesperrt. Wir durften nur in Gruppen spazieren gehen, um einer Flucht vorzubeugen. Entflohene, die zurück gebracht wurden, bestraften die Erzieher, indem sie diesen Kindern (Jugendlichen) eine Glatze schnitten und schlugen. Ab 19 Uhr war Nachtruhe. Wer beim Sprechen ertappt wurde, musste sich im Unterhemd und Unterhose auf den Flur begeben, die Unterhose ausziehen oder sich ganz nackt ausziehen und im Flur stehen, und zwar so lange, bis man nicht mehr konnte. Wenn sie umkippten, blieben sie einfach auf dem Flur liegen. Der Nachtdienst kümmerte sich nicht um sie. Irgendwann kamen sie dann von alleine ins Bett gekrochen.

Das Schlagen war an der Tagesordnung für alles, was den Brüdern nicht in den Kram passte. Ich wollte mir das Leben nehmen auf Grund der Dinge, die ich um mich herum sah. Ich war keine zwei Stunden im Wittekindshof, da wurde ich von einem Bruder vergewaltigt. Dies geschah vom 5. bis zum 13. Lebensjahr. Auch wurden wir Kinder und ich allein nackt dabei fotografiert. Ich nahm ab, da mich die Vergewaltigungen sehr belasteten und ich mit niemandem darüber reden konnte. Ich wurde mit Lebertran und Milch aufgepäppelt.

Während wir aßen, lief ein Bruder immer auf und ab und beobachtete uns. Oder er saß auf einem Podest. Wer nicht essen wollte, wurde mit dem Gesicht ins Essen gestoßen, und zwar ziemlich heftig. Wer sprach, musste sich in den Flur stellen und bekam nichts mehr zu essen.

Die Brüder (Diakone) selbst bekamen besseres Essen. Wir versuchten, uns freiwillig zum Abräumen zu melden, damit wir von den guten Sachen noch etwas erhaschen konnten. Ich hatte den Eindruck, dass einige Brüder überwiegend Rechtsradikale waren, da sie ständig Gehorsam durch Treten und Schlagen erzwangen. Als Gehorsamsübung wurde z. B. ein Lappen auf den Boden gelegt, und der musste dann von einem Kind aufgehoben werden. Wenn der Junge oder ich es nicht tat, wurde geschlagen oder in die Rippen getreten.

Mit der Verabreichung von Medikamenten wurde nicht gespart. Sie wurden mengenweise verteilt, wir standen in riesig langen Schlangen, um die Medikamente entgegenzunehmen. Kinder, die nervös waren, bekamen sofort Tabletten.

In meine Wäsche und Kleidung eingenäht hatte ich die Nummer 113. Habe zwei Praktikanten kennengelernt sowie geführt, ich habe mich an diese Praktikanten geklammert, sie waren irgendwie anders, viel netter. Ich traute mich aber nicht, mit ihnen über die Vergewaltigungen zu sprechen. Der Praktikant nahm mich z. B. zu Ausflügen nach Tuttlingen oder Berlin mit übers Wochenende. Von Wittekindshof wurde ich nach Gronau (kleinere Zweigstelle) geschickt. In Gronau habe ich als Maler und Lackierer gearbeitet. In Wittekindshof habe ich auch als Maler und Lackierer gearbeitet, ich wurde immer ausgenutzt.

An zwei Praktikanten in Wittekindshof konnte ich mich halten. Als ich nach Gronau zu einer Zweigstelle des Wittekindshofes zog, behielt ich Kontakt zu diesen beiden Praktikanten. Die Briefe, die ich von ihnen bekam, wurden geöffnet. Vermutlich wegen des Kontaktes zu mir und des Inhalts der Briefe standen die Praktikanten im Konflikt mit dem Wittekindshof. Beiden Praktikanten ist es zu verdanken, dass ich den Wittekindshof verlassen konnte und nach Iserlohn kam. Der Praktikant hat ein Waisenhaus geleitet, in dem auch ich ein Zimmer zum Schlafen hatte und auch eine Lehrstelle in Iserlohn. Ich bin in die psychiatrische Mühle geraten, denn ich bin diesem System nach einem Jahrzehnt mit viel Glück entkommen und möchte das nicht noch einmal durchmachen. Ich habe gelernt, dass eine Einrichtungsbezeichnung nichts darüber aussagt, was wirklich dort geschieht. Im Namen von Heilung wurde getreten und geschlagen und unter Drogen gesetzt. In Institutionen mit wenig strukturierten und verschwommenen Leistungen, die von einem Mangel an Grenzziehungen und Orientierung gekennzeichnet werden, laufen Jungen so wie im Wittekindshof eher Gefahr, Opfer sexueller Ausbeutung zu werden, als in Einrichtungen mit einem klaren, fachlich kompetenten und menschlich fairen Leitungsstil. Ich habe das damals keinem erzählt, weil ich nicht wusste, wie ich das hätte sagen können. Ich habe zwar richtig darunter gelitten, aber ich kannte keine Worte dafür. Hättest du mich, als ich acht oder neun Jahre alt war, gefragt: "Wirst du sexuell missbraucht?", hätte ich glatt "Nein" gesagt. Ich kannte diesen Begriff einfach nicht. Außerdem hatte ich große Angst, dass die Brüder mich auslachten oder für einen Schwächling halten könnten. Für doof wurde man sowieso gehalten. Durch Geschenke musste ich schweigen.

Ich kannte nur eine Therapie, ich unterdrückte meine Gefühle und arbeitete. Immer mehr bürdete ich mir auf, dadurch fühlte ich mich sicher. Arbeit war ein wunderbares Heilmittel. Ich schaffe viele Dinge, und gleichzeitig verblassten meine unangenehmen Gefühle. Drängten sie erneut an die Oberfläche, hatte ich eben nicht hart genug gearbeitet.

Durch die Bequemlichkeit der Behörden hat man mich da belassen, wo ich war, auch wenn ich dort nicht hingehörte. Eine psychiatrische Einrichtung erhält mehr Geld als ein normales Heim, dies war dem Psychiater willkommen.

Mit 11 Jahren habe ich eine Bibel auf dem Tisch gesehen und in ihr geblättert. In der Offenbarung kam "Morgenstern" vor. In den Jahren habe ich noch in der Bibel gelesen, siehe da, es waren noch mehr Bibelstellen: Jesaja, Petrus, Hiob, alles unter Gottes Haus "Haus Morgenstern".

Einmal in der Woche gab es für uns Kinder Brotsuppe, und für die gab es Wurst, Schinken und Käse, auch hatten die Brüder Tassen und Teller aus Porzellan, während wir Kinder Tassen und Teller aus Blech hatten.

Ich wurde nachts von den Erwachsenen sexuell belästigt, sehen konnte ich keinen Erwachsenen, weil es dunkel war, durch Treten habe ich mir die vom Leib gehalten. Der Schlafraum war 55 qm groß für 16 bis 18 Kinder. Auch durfte ich Overstolz, Finas und Eckstein und Bier holen für die Brüder. Als ich 21 wurde, war mir verboten, in die Akte einzusehen. Hätte die Pflegeanstalt Wittekindshof mich da behalten und weiter eingesperrt, wäre ich schon tot. Ich bin der Mühle aus Idiotenanstalt, Kolonienarbeit und chemischer Keule entronnen, dank eines Praktikanten, der mich mitgenommen hat.

Die Wochen und Monate dauernden Misshandlungen, Quälereien und persönliche Demütigungen überschreiten das menschlich Erfassbare.

Wer solche Szenen wie in Wittekindshof nicht miterlebt und erduldet hat, der kann schwerlich die seelische Bedrückung ermessen, die mich als Jungen oft der Verzweiflung und dem Wahnsinn nahe brachte. Weil ich den Stuhl nicht richtig an den Tisch herangerückt hatte, bekam ich einen Schlag ins Gesicht und flog gegen eine Tischecke und zog mir eine Platzwunde zu.

Es war die Zeit unmittelbar nach Kriegsende, doch die Brüder, die in Anstalten wie dem Wittekindshof Haus Morgenstern arbeiteten, waren genau die Brüder, die während der Naziherrschaft gelernt hatten, Menschen nach lebenswert und nicht lebenswert zu unterscheiden. Ein uneheliches Kind kann unmöglich zu einem guten Bürger werden, das wurde mir oft gesagt.

 

Kontakt: Klaus Linnebrügger, Röntgenstr. 19, 45143 Essen, Tel. 0160-91112725

 

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