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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
- evangelische Trägerverbände
- ev.Akademie Bad Boll
- Bischof Huber
- Diakonie Bayern
- Dierk Schäfer, ev. Akademie Bad Boll
- offener Brief an Gohde
- Wittekindshof
- Bethanien-Schwestern
- Deutschlandradio Kultur
- Sendung vom 15.2.2006

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Briefe und Berichte ehemaliger Heimkinder an den Buchautor

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Ich bin ein ehemaliges Heimkind aus dem Kalmenhof in Idstein und schreibe über meine furchtbaren Erlebnisse aus meinen Kindertagen. Ich war von Ende der 50er Jahre bis September 1962 in Kalmenhof. Ich war sehr traurig, hatte Depressionen und habe viel geweint, weil ich nicht wusste, warum meine Eltern (Pflegeeltern) mich nicht mehr haben wollten. Ich wusste bis dahin noch nicht, dass ich Pflegeeltern hatte, das habe ich alles erst in Kalmenhof erfahren.

Ich musste im Kalmenhof viel arbeiten: der Holzfußboden musste mit Stahlspähnen auf Knien und mit den Händen geschrubbt werden, dann gebohnert und mit einem Bohnerklotz blank poliert werden. Ich musste auch im Waschhaus oder auf dem Feld schwer arbeiten.
Einmal die Woche, immer Sonnabends, wurde geduscht, wenn dann mal wieder ein Mädchen Schläge mit nassen Handtüchern von den anderen Mädchen bekam, hatte ich immer Angst. Es waren auch Mädchen dabei, die das Sagen hatten. Oft musste ich zur Erzieherin Frau Franz, das war für mich eine alte Hexe. Sie hat mich immer an den Haaren gezogen und eingesperrt, bei Wasser und Brot. Oft habe ich zwei Tage in diesem Waschraum verbracht.

Ich war davon so müde und kaputt und musste trotzdem hart arbeiten. Ich habe das alles nicht mehr ausgehalten, ich bekam Krampfanfälle mit Bewusstlosigkeit. Ich kam ins Heimkrankenhaus, dort erlitt ich dann einen Anfall nach dem anderen. Meine Kinderseele war kaputt und hat sehr gelitten. Jeden Tag habe ich im Kalmenhofgelände diese weissen Kreuze gesehen, auch davon bekam ich Depressionen und hatte Angst, dass ich auch sterben muss und so ein Kreuz bekomme.

So viele Kinder sind da begraben, jeden Tag musste ich dort vorbei gehen zur Schule. Heute noch, nach 50 Jahren, bin ich krank davon. Ich möchte alles raus lassen, damit es mir etwas besser geht. Meine Kindheit und meine Jugend ist dahin, ich habe daran keine schöne Erinnerung. Ich habe Angststörungen, Depressionen und bin immer noch Tablettenabhängig. Ich glaube nicht, dass man sich dafür entschuldigen kann, für das Leid, das man mir und auch den anderen angetan hat, es ist nicht wieder gut zu machen.

Heimkind Monika Nagel, geb. Last (62)
10.9.2008
 

Nagel Kalmenhof 1961
Nagel Kalmenhof mit Edith
Nagel Kalmenhof 1961003

Monika Last im Kalmenhof, Konfirmation 1961: hinter dem Pfarrer, oben in der Mitte der Mädchengruppe und links mit Edith (Nachname unbekannt)

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer weiß etwas über den Verbleib von Edith?

 

Sehr geehrter Herr Wensierski!

Hier habe ich mehr über meine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Ich hoffe, es geht mir etwas besser danach.

Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden aber die Wunden, die ich ertragen musste, werden nicht heilen, sie sind wie ein offenes Bein, das nie heilen wird.

Ich war schon als Baby im Heim in Bremen (Metzerstr.) bis zu meinem 3 Lebensjahr. Ich hatte die Krätze und war halb verhungert, als ich zu meinen Pflegeeltern kam. Es war dann mein Zuhause, aber ich habe mich nicht wohl gefühlt. Als ich zur Schule kam, war ich alt genug zum Putzen, ich musste bei meinen Pflegeeltern arbeiten, das heißt abwaschen, Küche sauber machen, alles, was anfällt. Wenn ich dann mal zum Spielen durfte, musste ich um 18 Uhr zu Hause sein, kam ich später, gab es Schläge, Stubenarrest und ohne Essen ins Bett. Dann bin ich meinen Pflegeeltern weggelaufen, ich hatte Angst nach Hause zu gehen, ich hatte Angst, dass mein Pflegevater mich wieder schlägt mit dem Gürtel.

Dann kam die Frau vom Jugendamt und holte mich von meinen Pflegeeltern ab. Sie sagte, ich würde in ein schönes Heim kommen und es ginge mir dort besser. Noch am selben Tag wurde ich zum Kalmenhof in Idstein gebracht. Es war für mich kein Heim, es war die Hölle. Warum wollten meine Pflegeeltern mich nicht mehr haben, warum musste ich hier in dieses Heim? Konnten sie mir nicht die Liebe geben, die ich brauchte? Warum bin ich weggelaufen, warum hat mich keiner gefragt, warum ich weggelaufen bin? Später habe ich erfahren, ich wäre sextriebhaft und schwachsinnig. Im Kindesalter sextriebhaft! Ich habe noch nicht einmal gewusst, was das bedeutet. Auch war ich immer sehr unruhig und nervös, ich hatte ständig Angst. Ich wollte dort nicht mehr bleiben und bin auch dort weggelaufen, mit zwei anderen Mädchen, da war ein Loch im Zaun, dort konnten wir durch, dann sind wir im Wald umher geirrt und wussten nicht, wo wir waren, dann sind wir von der Polizei aufgegriffen worden und zurück gebracht worden. Erst gab es Prügel, mich hat man in den Keller gebracht bei Wasser und Brot.
Auf einmal stand da ein Junge am Fenster, vor den Fenstern waren Gitter, er stand da und fragte, ob er helfen soll. Ich sagte „gehe zurück, sonst bekommen wir noch mehr Strafe“, ich weiß bis heute nicht, wer das war. Ich bin wieder zurück zu den anderen Mädchen, ich bekam auch die Strafe von den anderen Mädchen (fürs Weglaufen), unter der Dusche gab es Schläge mit nassen Handtüchern. Ich hatte nur eine Freundin und die hieß Edith. Wir hatten in der Woche auch Anstaltskleidung an, blau-grau kariert, und hoch geschnürte Schuhe, nur sonntags durften wir unsere eigene Kleidung tragen. Ich war sehr oft im Waschhaus zum Hemdenbügeln, von dort aus habe ich immer die weißen Kreuze gesehen, die mich depressiv gemacht haben und krank, ich musste auch immer an diesen Kreuzen vorbei, wenn ich zur Schule ging, immer musste ich an die Kinder denken, die da lagen. In der Schule wurden wir ständig beobachtet. Mir ging es immer schlechter. Auch musste ich auf den Feldern arbeiten, Erdbeeren, Himbeeren pflücken. Eines Morgens lag unter meinem Kopfkissen ein Brief, ich wusste nicht, wo der her kam, er war schon geöffnet, ich fing an, den Brief zu lesen. Da stand:

“Liebe Monika, ich bin deine Mutter, die auf dem Bild, und deine drei Geschwister, und du heißt nicht Schmidt, du heißt Last, es tut mir alles so leid, dass du da im Heim bist.”

In meiner Akte steht: woher hat die Mutter die Adresse und weiß, wo Monika ist. Ich habe geweint und war total fertig, weil ich nicht einmal wusste, dass ich Pflegeeltern habe, es wurde mir nie erzählt. Meine Gedanken waren immer nur bei diesen Leuten auf dem Bild, es war mir alles zuviel. Dann bekam ich die Tabletten zur Beruhigung, 3 x täglich 1 Tabl. Psyquil, 10 mg, damit hat man mich ruhig gestellt, ich war immer müde davon und musste auch noch schwer arbeiten. Ich bekam Krampfanfälle mit Bewusstlosigkeit, ich kam ins heimeigene Krankenhaus, dort bekam ich viele Krampfanfälle, keiner wusste, warum ich diese Krampfanfälle hatte.
Ich wurde konfirmiert und danach holten meine Pflegeeltern mich ab. Aber meine Pflegeeltern sollten mir immer schön die Tabletten geben, damit ich ruhig bleibe. Ich sollte dann in einer Buchdruckerei arbeiten. Dann lernte ich meinen ersten Mann kennen. Dieser Mann war brutal, weil ich noch keinen Sex wollte, vergewaltigte er mich und ich wurde schwanger. Meine Pflegemutter sagte mir, den musst du heiraten, sonst reden die Leute über uns. Ich wollte ihn nicht heiraten, weil er mich vor der Ehe schon immer betrogen hat. Ich bekam ein zweites Kind von ihm und nun musste ich ihn heiraten, meine Pflegemutter sagte: du kannst dich ja dann wieder scheiden lassen. Jeden Tag hat er mich geschlagen, wir hatten kein Geld, weil er immer in die Kneipe wollte, ich war immer allein mit den Kindern. Ich zog zu meinen Pflegeeltern mit den Kindern und ließ mich scheiden. Ich arbeitete jeden Tag bei Biomaris am Tage und abends in der Stadthalle zum putzen. Meine Pflegemutter hat auf meine Kinder aufgepasst.
Dann kam ich von der Arbeit und mein jüngster Sohn war nicht mehr da. Ich habe gefragt wo er ist, und meine Pflegemutter sagte mir, sie kann nur auf ein Kind aufpassen, der Kleine ist ins Heim gekommen, das Jugendamt hat entschieden. Ich habe um den Jungen gekämpft, ich wollte ihn zurück haben, ich war so verzweifelt, aber ich wusste, ich musste kämpfen. Dann lernte ich meinen zweiten Mann kennen, dieser Mann hat mir geholfen, den Jungen aus dem Heim herauszuholen. Wir haben dann auch bald geheiratet. Dann wollten wir auch ein Kind zusammen, aber es klappte nicht, nach 10 Jahren hat es endlich geklappt, wir freuten uns sehr, unser Sohn wurde am 14.05.1974 geboren, dann unsere Tochter am 13.10.1976 und noch ein Sohn 06.04.1980. Wir waren eine glückliche Familie, es ging uns gut und wir hatten alles, was wir wollten. Wir hatten jetzt 5 Kinder.
Am 6.12.1980 verloren wir durch ein großes Unglück unseren geliebten Sohn, er war der Erstgeborene aus zweiter Ehe. Er ist vor meinen Augen von einem Auto überfahren worden, er ist in meinen Armen gestorben, er war doch erst 5 Jahre alt. Ich habe es bis heute nicht verkraftet, ich war so verzweifelt, ich konnte mich nicht erholen, aber ich wusste ja, ich habe noch andere Kinder, für die ich da sein musste, ich war dann 8 Wochen in einer Klinik. Unser Leben ging weiter, mein Mann und ich haben zusammen gehalten.
Trotzdem kam wieder eine schwere Zeit für uns, unser Sohn wurde drogenabhängig, wir haben es erst gar nicht gemerkt, Es wurde immer schlimmer mit ihm. Er weinte, er war verzweifelt, aber ich war immer für ihn da. Er kam öfters ins Krankenhaus zum Entgiften. Dann lernte er ein liebes Mädchen kennen, die hat ihm dann geholfen ganz langsam, dass er wieder gesund wird. Heute ist er gesund, er hat eine schöne Wohnung und alles ist gut.

Heute weiß ich, warum ich immer Angstzustände habe, warum es mir oft schlecht geht und ich nicht mit dem Bus oder der Straßenbahn fahren kann – es sind zu viele Menschen da, ich bin lieber allein. Ich möchte hier meine Lebensgeschichte beenden und schreibe zum Schluss:

“Deine Gefühle und Meinungen verändern sich mit der Qualität dessen, was du erlebst.”

Es grüßt Sie

Frau Monika Nagel.
5.10.2008
 

Sehr geehrter Herr Wensierski,

lange hatte ich mit mir gerungen, Ihnen einen Brief zu schreiben. Ihren Spiegel-Artikel vom 19. Mai 2003 über die Heime im Ruhrpott habe ich mit Interesse gelesen. Wenn aber einige glauben, dass das schon harter Tobak war, dann müssten Sie mal meine Geschichte hören. Meine Tortur dauerte 12 Jahre, unter der Regie von Salvatorianerinnen, weit ab von jeder Wirklichkeit. Mit 6 Jahren bin ich ins Heim für schwer Erziehbare gekommen und mit 18 Jahren bin ich dann in ein Zuhause entlassen worden, das für mich völlig fremd geworden ist. Lange Jahre hatte ich daran zu beißen. Vom Bewusstwerden bis zur Bewusstlosigkeit. Diese Stationen meiner Odyssee waren prägend für mein ganzes Leben, bis heute. Minutiös kann ich mich bis heute an alles erinnern.

Mit freundlichem Gruß

Heinz R.
29.10.2008

Am 6.9.1943 kam ich in Breslau zur Welt, in der heutigen Nachbetrachtung war ich zu dieser Zeit ein Unfall. Mit drei Jahren sind wir, meine Mutter, meine Schwester und mein zweitältester Bruder vor den Russen geflüchtet. Mein ältester Bruder ist auf der Flucht verloren gegangen, doch der war damals alt genug und hat sich bis Dresden durchgefragt und uns wieder gefunden. Was dann auch das Glück später der ganzen Familie war. Davon berichte ich später. Die ganzen Verwandten meiner Mutter und meines Vaters sind, nachdem sie aus Schlesien flüchten mussten, in Dresden geblieben und in die Fänge des DDR-Systems gefallen. Nur der jüngste Bruder meiner Mutter ist nach Frankreich geflohen und ist auch dort geblieben. Der hat aber nie den Kontakt gesucht zu seinen Angehörigen, der wird seinen Weg gegangen sein. Meine damalige Familie ist nach Emden in ein Durchgangslager gekommen, wo die Leute in ganz Deutschland verteilt wurden. Wir kamen nach Duisburg Rheinhausen, wo mein Vater und meine Brüder Arbeit bekamen. Mein Vater auf der Zeche Kohle machen, es wurde Energie gebraucht. Mein Zweitältester Bruder, der meinem Vater am ähnlichsten vom Charakter her war, ging mit auf den Pütt. Der älteste hat einen Job als Binnenschiffer bekommen und war darüber sehr glücklich, er war unser Engel und brachte aus Holland und Belgien Zucker, Mehl, Kartoffeln und vor allen Dingen Zigaretten und Fleisch von jeder Reise mit. Immer wenn er von einer Reise wieder nach Hause kam, war es wie Weihnachten, dann gab es die Leckereien wovon alle nur geträumt hatten. Meine Schwester war ja auch noch da. Die hat bei einem Steiger, bzw. Bergbauingenieur geputzt. Im gleichen Maße hatte sie ein Auge auf den Sohn der Nachbarsfamilie geworfen, der liebe Herrmann W. Der Familie aus der ersten Generation der Polen war das gar nicht recht, weil wir ja die Pollacken waren. Es hat aber nicht lange gedauert und sie war schwanger, wohnte aber noch in zwei Zimmern mit kleiner Wohnstube und Küche noch mit allen unter einem Dach. Gleichzeitig hatte meine Mutter aber noch eine Flüchtlingsfamilie bei uns wohnen lassen. Also Stress und Theater vorprogrammiert. wir schliefen mit drei Mann in einem Bett, im Wohnzimmer wurden für die Flüchtlinge Schlafstätten eingerichtet, bis heute weiß ich nicht, wie das alles geklappt hat, aber es ging eine Zeit lang gut - mehr oder weniger. Mich hatte man ein Jahr von der Schule zurückgestellt, weil ich noch nicht reif war. Meine Mutter hatte volles Programm. Essen kochen, Wäsche waschen, Haushalt machen, Backen, Klamotten flicken und die verdreckten Klamotten vom Pütt kochen und waschen, die Hölle. Meine Aufgaben waren einkaufen gehen mit Marken, Kohlen schleppen, Asche runter tragen, Rüben nachlesen auf dem Feld, davon gab es dann aus einer bei uns in der Nähe angesiedelten Fabrik für die Rüben zwei Eimer Rübenkraut (Sirup). solange die Älteren auf der Arbeit waren, war soweit alles in Ordnung, erst wenn die Bude wieder voll war, ging der Stress los. Im Grunde waren alle überfordert mit der Situation, meine Eltern einfache Leute, wollten Gutes tun, doch die Konsequenzen waren allen nicht bewusst. Die befreundete Gastfamilie, meine schwangere Schwester, mein überforderter Vater und mein einfach gestrickter Bruder. Ich mittendrin. In der Schule gescheitert, nur Streiche im Kopf wie jedes normale Kind in meinem Alter. Diese Streiche und eine derbe Begebenheit, die ich vergessen hatte ... Als die befreundete Familie ausgezogen war, war mein Alter im Schlafzimmer auf meine Mutter los und hat sie geschlagen. Da bin ich auf ihn los und habe ihn angesprungen, so dass er zu Fall kam. Das war das Tröpfchen, das das Fass zum Überlaufen brachte. Damit nahm das Schicksal seinen Lauf für den Heinzel.

Im Jahre 1949 nahm das Schicksal seinen Lauf. Der Krieg war gerade zu Ende und die Köpfe der Familie des Heinzel noch immer wirr vom Krieg. Die Familie zählte damals 6 Personen. Vater Karl August, Bergmann, 12. Kind von dreizehn Kindern, geboren in Schlesien. Des Lesens und Schreibens unkundig. Die Mutter Adelheid war 11. Kind von zwölfen, als Gänsemagd groß geworden. Einfach gestrickt und naiv. Dann kam mein ältester Bruder Willi nach Willi kam Hildegard, nach Hildegard kam Rudi, der vorerst letzte war Heinzel. Bis dann nach einem “Verkehrsunfall” noch mein jüngster Bruder Alfred 8 Jahre später kam, der war wohl nicht mehr geplant. Doch im Jahre 1949 war das Maß voll für Heinzel. Die Familie hatte beschlossen, Heinzel in ein Heim für Schwererziehbare zu verfrachten. Der Auslöser dieser Geschichte war eine Begebenheit mit einer gleichaltrigen Spielgefährtin aus der Nachbarschaft. Wir wurden beide erwischt im Hühnerstall des Nachbarn, beim “Onkel-Doktor”-Spielen. Mein Pech war nur, dass des Mädchens Mutter beim Jugendamt in Duisburg Rheinhausen arbeitete. also war ich der Versaute und ihre Tochter die Verführte. Sie trieb die Planung voran, dass ich ins Heim wanderte. Aus mir würde nichts werden, weil ich ein paar mal die Schule geschwänzt hatte und auch damals aus dem Kindergarten abgehauen war. Für diese Frau war schon klar, dass ich auf die schiefe Bahn geraten würde, mit 7 Jahren. Sie war schon damals mit hellseherischen Fähigkeiten gesegnet. Nach mehrmaligen Besuchen hat sie meine Eltern davon überzeugt, dass es das Beste für mich wäre, ins Heim gesteckt zu werden. Es dauerte auch nur 14 Tage und ich saß mit einer Begleitperson und meinem Persilkoffer, sowie meiner selbst gestrickten kornblumenblauen Strickjacke mit Silberknöpfen, die meine Mutter mir zum Abschied mitgegeben hatte, im Zug von Duisburg nach Zons am Rhein, in ein Durchgangslager. Dort wurden die Kinder ausgesiebt. Einige kamen nach Mayen, Eifel, Fichtenheim, Krefeld, Solingen Danzweiler Hof. Und mich haben sie an den Arsch der Welt verfrachtet, in den Herrmann Josef Stift in Urft. Dieses Heim wurde von den lieben Schwestern des Salvatorianerordens geleitet. Gott möge sie die Qualen, die sie den Kindern bereitet haben, an Leib und Seele noch mal selbst erleben lassen. Was die abgezogen haben, ist kaum wiederzugeben. Mir fehlen heute noch die Worte, mit wie viel Sarkasmus und Menschenverachtung sie die Kinder behandelt haben. Für jedes bisschen Lächeln oder einen Gunstbeweis musstest Du Leistung bringen. Sei es in der Hausarbeit, in der Küche oder in der Feldarbeit. Weil ich schon damals ein stabiles Kerlchen war, hatten die Nonnen mich natürlich auf dem Schirm. Ich war nicht der Intelligenteste und hatte mein Herz immer auf der Zunge getragen, um so leichter war ich abzuhorchen.

Die ersten Tag habe ich nur geheult und nach meiner Familie gerufen. Mir wurde dann immer versichert, dass dies nur eine vorübergehende Situation sei. Aber Scheiße, niemand kam von der Familie, die wussten ja noch nicht einmal wo Urft und die Eifel waren. Meine Briefe blieben unbeantwortet und die Briefe meiner Mutter versickerten, weil meine die Situation schilderten und nicht abgeschickt wurden. Sie wurden einfach unterschlagen. Desto weniger ich von Zuhause hörte, desto verstörter wurde ich und reagierte mit Aggression auf alles und jeden. Da hatte ich aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Aggressionen kamen von den Nonnen zurück. Ich hab Haue bekommen nach Strich und Faden. Wenn ich Widerworte gab, so nannte sich das damals, musste ich vorstellig werden bei der Oberin des Ordens. Die hatte ein Büro im Schwesternhaus, als ich dort rüber musste war es Hochsommer. Sie saß im abgedunkelten Zimmer hinter ihrem Schreibtisch, die Vorhänge waren zugezogen und auf dem Schreibtisch leuchtete eine runde Tischlampe „Art Deco“. Sie fragte mich, was ich verbrochen hatte, ich antwortete ihr, ich habe Widerworte gegeben an Schwester Barbara, na dann weißt du ja, was dir blüht. Sie holte dann einen schönen Weidenstock aus einem Köcher, der neben ihr stand und ich holte mir damit die Prügel ab. Zehn Schläge auf die linke Hand, zehn auf die rechte Hand und zehn auf den Arsch. Dann bekamst du noch auf den Weg:

Dass Du so was nicht wieder machst, und dann durftest Du mit Liebe im Herzen gehen, bis zum nächsten Mal. Als Du dann auf die Abteilung kamst, haben dich die anderen Kinder auch noch gehänselt, also hast du die Prügel gleich weiter gegeben. Somit war der nächste Termin bei Schwester Oberin schon vorprogrammiert. Weil ich auch immer sehr viel geweint hatte, haben mir die Kinder unter Anleitung einer Nonne einen silbernen achteckigen Tränenpott aus Pappe gebastelt, jedes Mal wenn ich zu weinen anfing, ist irgendein Kind zum Schrank gelaufen, hat den Tränenpott geholt und ihn mir unter die Nase gehalten, die habe ich dann der Reihe nach alle verhauen. Aber der Hammer kam für mich doppelt zurück. Als Strafe bin ich dann unters Dach in eine Kammer mit einer stinkenden Strohmatratze eingesperrt worden. Schieferdach 5. Stock, 55 Grad Hitze im Hochsommer in den Ferien, ohne Wasser, ohne Essen von Morgens bis Abends. Abends kam dann eine Nonne und hat dich gefragt, ob Du dich bessern wolltest, natürlich wolltest Du alles tun, damit Du da raus kommst kurz vor dem Irre werden. Ohne Essen, ohne Waschen haben die Dich dann ins Bett geschickt. Nachts bist Du dann aufgestanden zum Waschbecken und hast wenigstens einwenig Wasser getrunken. Das war nur eine andere Art der Maßregelung. Damit ich nicht irre werde, habe ich mich in der Landwirtschaft nützlich gemacht, wie es damals hieß. Der Herrmann-Josef-Stift in Urft, ein Eifel Idyll, hatte riesige Ländereien. Ein Schweizer, Johann, war für das Vieh und Getier verantwortlich, einen 26-jährigen Knecht haben die Nonnen dann noch eingestellt, mit dem habe ich die Felder mit Mist bestreut. Du konntest den Feldrand nicht sehen, so groß waren die Flächen. Ich war 11 oder 12 Jahre, alle drei Meter war ein klumpiger Misthaufen, der musste verstreut werden. Der Knecht hat sich nur gewundert, dass so ein Knabe wie ich so eine Power hatte, der wollte mich immer abhängen mit schnellerem Arbeiten, aber er hat es nie geschafft. Abends bin ich dann todmüde in mein Bett gefallen, hatte weder Träume noch andere Art von Gefühlen, nur beide Hände übersät mit Blasen. Am schönsten waren die Tage, wenn ich Kühe hüten durfte. Wir hatten im Heim 40 Kühe, die habe ich auf eine Weide geführt und musste auf die Viecher aufpassen und wenn dann um 17 Uhr die Kirchenglocke bimmelte, habe ich sie wieder in den Stall getrieben. Den ganzen Tag war ich mit mir im reinen, hab in der Sonne gelegen und Träume und Pläne geschmiedet. Doch kaum war ich wieder in der Abteilung, wurde ich aus meinen Träumen geholt. Hausarbeit war angesagt. Dann habe ich mich auch noch als Messdiener gemeldet um eine gute Figur zu machen bei den Nonnen. Hat alles nichts genutzt. Die Nonnen haben mir erzählt, wenn Du die geweihten Hostien isst, ohne zu beichten, dann kommst du in die Hölle, ich hatte mir damals gedacht, schlimmer als hier im heim kann es in der Hölle auch nicht sein. Also habe ich mir eine Handvoll geweihter Hostien in den Mund gesteckt und habe gewartet, dass der Weg sofort in die Hölle führt und zwar direkt nach der Einnahme. Oh, Trugschluss, das einzige, was mir passiert ist, ich wäre fast an den Oblaten erstrickt, weil die so geklebt haben. In dem Moment, wo ich den Messwein aus dem Schrank geholt hatte um die Dinger runterzuspülen, kam eine Nonne um die Ecke, sie hatte auch noch den bezeichnenden Namen Schleicher, weil in der Kapelle Marmorfußboden lag und sie Filzpantoffeln trug, habe ich sie nicht bemerkt, bis ich fürchterlich einpaar geklatscht bekam, die Hostien und die Flasche Wein fielen mir so aus dem Gesicht. Ende mit Messdiener. Stubenarrest, Strümpfe stopfen während die anderen Kinder Ski und Schlitten fahren durften. Ich wurde immer verzweifelter, ich wusste nicht mehr wie ich den Nonnen gefallen konnte. In meiner Verzweiflung habe ich einen Brief an den Teufel geschrieben. Lieber Teufel, Du bekommst meine Seele wenn Du mich aus diesem Heim holst. Diesen Zettel habe ich auf unserem Schulhof unbemerkt von anderen Kindern unter einen riesigen Findling gewuchtet. Nach einer Woche habe ich den Stein hoch gehoben, oh Scheiße, der Zettel lag immer noch darunter.
Also habe ich mir was Neues einfallen lassen. Wenn der Teufel schon nicht so eine Macht hat, habe ich mir gedacht, dann der Schutzpatron Herrmann Josef unseres Heimes. Somit habe ich einen neuen Brief geschrieben. Lieber Herrmann Josef Du bekommst meine Seele, wenn Du mich aus dem Heim holst. Diesen Brief habe ich in unserer Kapelle unter die Statue von 2 Zentnern gewuchtet, es war die Statue von Herrmann Josef. Nach einer Woche habe ich mich in die Kapelle geschlichen und unter die Staute geschaut und der Zettel war weg. Ich denke mal, die Nonnen werden ihn beim Saubermachen gefunden haben, es hat sich trotzdem nichts geändert. Alle steckten so oder so unter einer Decke, Nonnen sowie der Pastor A., 196 Meter groß, 3 Zentner schwer und stockschwul. Bei der Beichte musstest du alleine in sein Zimmer kommen, um bei ihm zu beichten. Na, mein Junge – Er war immer der joviale, väterliche Freund – komm, setz dich mal auf meinen Schoß. So erzähl doch mal wie Du gesündigt hast. Dann hast du ihm erzählt wie oft du Widerworte den Nonnen gegenüber gegeben hast, wie oft du gelogen hast und zum Schluss wie oft du onaniert hast. Während du auf seinem Schoß gesessen hast mit kurzer Lederhose spielte er dir am Geschlechtsteil und am Hintern rum. Keiner wusste von den Kindern damals, dass Pater A. ein Päderast war. Danach gab’s die Absolution und ein Bonbon. Bis Pater Amadeus dann doch versetzt wurde, irgend jemand ist ihm doch wohl auf die Schliche gekommen. Aber deswegen hörte das Martyrium noch lange nicht auf, es wurde noch schlimmer.
Fortsetzung folgt.

 

Klaus Jansen    

Gelsenkirchen, den 24.02.2009

Sehr geehrter Herr Wensierski

Betreff: Ehemalige Heimkinder – Die geraubte Jugend

 

Meine Schwester Karin und ich sind am 17. April 1944 in Bad Meinberg/Horn zur Welt gekommen.

Da unsere Mutter kurz nach unserer Geburt am 5. Mai 1944 im Wochenbett verstarb und unser Vater Josef Jansen im Krieg gefallen war, wurden wir Zwillinge nun zu Vollwaisen.

Somit begann dann unser Leidensweg, den wir bis heute noch nicht überstanden haben.

Verwandte sowie auch unsere Großeltern konnten uns nicht nehmen, da diese selbst kränklich waren. Somit wurden meine Schwester und ich dem Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen in Obhut gegeben.

Unser erstes Kinderheim war somit das St. Michaelhaus in Wuppertal-Elberfeld, wo wir 2 Jahre unserer Kindheit verbrachten. Von dort aus wurden wir in das Kinderheim zur Ahstr.2a nach Gelsenkirchen verlegt, wo wir einige Jahre verbrachten. In diesem Kinderheim fing dann das erste Martyrium für uns an.

Meine Schwester und ich waren ja noch Kleinkinder und haben somit auch noch unser Bett nass gemacht. Als Strafe hat man mir die nasse Bettwäsche über meinen Körper gezogen und anschliessend noch bei klirrender Kälte mit einem Wasserschlauch und kaltem Wasser durchnässt, wobei ich mir schon als Kleinkind eine schwere Mittelohrentzündung zugezogen hatte, deren Folgen bis zum heutigen Tag noch nicht 100 % behoben worden sind, zwar ist mein Ohr nun trocken, aber habe trotz alledem Schwerhörigkeit und muss seid Jahren Hörgeräte tragen - selbst nach einer Operation

Des Weiteren wurde in dem gleichen Kinderheim in der Ahstr. meine Schwester gedemütigt und zwar an ihrem Kommunionstag. Meine Schwester bekam dort vom Heim durch Spenden ein Kommunionskleid, sowie auch Schuhe. Die Sachen wurden anprobiert und danach ausgezogen, die Schuhe sollten weggestellt werden, aber diese Aufforderung hatte meine Schwester zu spät vollzogen, so nahm dann die Nonne ihr die Schuhe aus der Hand und schlug damit auf den Kopf meiner Schwester ein, wobei durch den Schlag ein Loch im Kopf verursacht wurde. Anschliessend wurde die Wunde mit “Uhu”-Alleskleber durch die Nonne verschlossen, so sollte es niemand mitbekommen.

Dann konnte meine Schwester mit zur Heiligen Kommunion gehen.

Als wir beide dann zwischen 7 und 9 Jahre alt waren, wurden wir wieder in ein anderes Heim verlegt. Dieses Mal nach Rheinbach/bei Bonn zur angeblichen Erholung, wo wir auch nur 4 Wochen bleiben sollten, aber aus diesen 4 Wochen wurden 2 Jahre bis etwa zum 11 Lebensjahr.

Auch dort mussten wir manche Prügelei durch den Leiter des Heimes, Dr. Dawo, ertragen. Wenn wir uns mal falsch verhalten haben, kam von dem Leiter Dr. Dawo der Spruch: „Däumchen dick und 1 Meter lang.“ Das war dann ein Nussbaumstock, den wir auch noch vom Nussbaumstrauch selber abschneiden mussten, er gab uns dazu sein Taschenmesser. Dann bekamen wir damit Prügel, so dass manchmal unser gesamter Körper mit blauen Flecken und Blutergüssen übersät war.

Nach dieser angeblichen Erholung aus Rheinbach, wurden meine Schwester und ich dann nach Herten/Westfalen verlegt in das Kinderheim St. Antonius in der Vitusstraße, was auch eine kirchliche Einrichtung war.

Dort war unser Aufenthalt etwas ruhiger verlaufen. Bis wir 14 Jahre alt waren und aus der Schule gekommen sind. Danach kam der grosse Knall und mein Leidensweg hat somit erst richtig angefangen.

Meine Schwester und ich sind mit aller Gewalt vom Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen auseinander gerissen worden. Keiner von uns wusste wo der eine oder andere sich befand. Wiederum standen meine Schwester und ich auch unter Vormundschaft und wir waren auch Entmündigt worden, so dass wir selber keine freie Handhabe hatten. Warum? Das wissen wir bis heute noch nicht!

Bis dahin wurden wir ja nur mit Prügel und Arbeit konfrontiert. Warum, dass ist uns heute noch rätselhaft.

Nach unserer Zwangstrennung wurde ich durch das Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen zu einem Bauer (Gottfried-Börger in Elspe/Sauerland) gegen meinen Willen verfrachtet und musste dort unerträglich, von morgens früh 5.30 Uhr bis abends spät, meistens bis 20 – 21 Uhr, auf den Feldern arbeiten. Hinzu kamen noch das Füttern der Kühe und Schweine und einem Pferd. Auch das Melken der Kühe wurde mir beigebracht und somit musste ich auch jeden Morgen und Abend die Kühe melken. Diese Prozedur machte ich dort über 1 ½ Jahre mit und bin dann wieder in das Kinderheim nach Herten ausgebüchst.

Dort verblieb ich aber nur eine ganz kurze Weile, dann wurde ich wieder über das Jugendamt Gelsenkirchen in einem Heim untergebracht. Dieses Mal nannte es sich Christliches/Bischöfliches Bildungsheim in Gescher/bei Coesfeld. Dort verbrachte ich wiederum 3 volle Jahre, auch dort musste ich schwere Arbeiten verrichten und zwar an Webstühlen – Putzlappen und Bodenwischtücher weben – aber auch in der Landwirtschaft körperliche Schwerstarbeit leisten. Der Leiter dieser Landwirtschaft hieß Herr Emons, dieses habe ich heute noch in Erinnerung, da auch ich dort von Ihm des öfteren Prügel bezogen habe.

Dort in diesem besagten Heim machte ich auch meine ersten sexuellen Erfahrungen mit. Es waren dort Jungen, die sind nachts, wenn man fest geschlafen hat, zu mir ins Bett gestiegen und haben sexuelle Übergriffe ausgeführt. Selbst, wenn ich mich bei der Diensthabenden Aufsicht beschwerte, wurde mir dennoch nicht geglaubt, somit hatten diese Personen immer wieder freie Hand wann immer dieses es auch wollten.

Als ich noch nicht einmal 16 Jahre alt war, hatte man mich wieder einmal in ein anderes Heim verlegt. Dieses Mal war es das St. Johannesstift in Niedermarsberg (Sauerland), Bredebaererstr. 33 mit der Begründung ich sei schwererziehbar und hätte einen angeborenen Schwachsinn und würde dort geheilt werden.

Auch diese Anstallt war und ist eine kirchliche Einrichtung gewesen. Als ich dort über das Jugendamt eingewiesen wurde, wurde ich gleich in einer mir unmissverständlichen Weise in einer geschlossenen Abteilung mit Gittern vor den Fenstern, die auch nicht mit der Hand zu öffnen waren, und mit 3 Meter hohem Zaun zur Beobachtung untergebracht. Diese Prozedur wurde durch einen Dr. Jürgens veranlasst.

In diesen Räumlichkeiten verbrachte ich die Zeit bis zu meinem 18. Lebensjahr. Ich musste dort auch ohne Lohn und unter Zwang in den Stallungen und in der dortigen Landwirtschaft schwer arbeiten. Wehe wenn man aufständig wurde, sofort bekam man Zellenarrest und wurde auch noch zusätzlich mit Medikamenten oder Spritzen ruhig gestellt. Ich bin mir heute noch sicher, dass diese Medikamente den Namen Megaphen hatten, diese wirkten so, als ob man unter Drogen stehen würde.

Leider kann ich mich nach so vielen Jahren nicht mehr an alle Namen und Personen, die damit behandelt wurden, erinnern. Nur an eine Person kann ich mich noch erinnern, diese hieß Klaus Lüft.

Ich weiss wohl, dass in dem Schlafsaal, in dem ich auch nächtigte, neben mir eine Person, die vorab auch in einer Zelle verschlossen war und danach wieder in sein Bett durfte, dort verstorben war, vermutlich auch durch die Tabletten und Spritzen. Diese besagte Person ist dort auch auf dem eigenen Heimfriedhof beerdigt worden. Man behauptete, er sei eines natürlichen Todes gestorben, was ich allerdings bis heute immer noch bezweifeln möchte.

Denn auch ich persönlich hatte dort hin und wieder Arbeiten verrichten müssen, zum Beispiel Gräber ausheben und auch wieder zumachen, sowie Friedhof- und Grabpflege verrichten. Diese Arbeiten wurden von keiner Institution bezahlt und es wurden auch keinerlei Sozialabgaben gezahlt.

Ich habe in den ganzen Jahren keinen Lohn bekommen, sondern nur Prügel und böse Worte als Dank erhalten.

Des weiteren wurde ich durch das St. Johannesstift in eine angebliche Familienpflege gegeben. Diese war ein Hotel, ich glaube es hiess „Zum goldenen Hirsch“ unter der Leitung einer Frau Ellen Jacobs. Dort musste ich auch ohne Lohn über 1 Jahr schwere Arbeiten verrichten, zum Beispiel: Morgens erst in der Küche Geschirr, Töpfe und Pfannen abwaschen, anschliessend meistens 2-10 Liter-Eimer Kartoffeln schälen, Gemüse putzen und waschen, ans Kochen wurde ich nicht herangezogen. Wenn ich mit dieser Arbeit fertig war, musste ich die Zimmer der Gäste säubern und dann den Hof, sowie die dazugehörige Strasse fegen. Abends ging es dann meistens bis 23 – 23.30 Uhr. Bevor ich zu Bett ging musste ich aber noch in den Schankraum alle Stühle hochstellen, damit ich am nächsten Morgen auch den Schankraum putzen konnte. Dann durfte ich erst ins Bett und so ging es jeden Tag, ohne Lohn oder Taschengeld, auch von dort wurden keinerlei Sozialabgaben entrichtet.

Da ich körperlich hinterher nicht mehr in der Lage war diese Arbeiten zu verrichten, steckte man mich wieder in diese Anstalt Marsberg mit verschlossenen Fenstern und Türen. Das Einzige war, dass man von morgens bis abends in der Landwirtschaft arbeiten musste. Der Herr der in der Landwirtschaft das Sagen hatte war Herr Schröder. Dieser ordnete auch an, welche Arbeiten zu verrichten sind.

Direkt nach meinem 18. Lebensjahr wurde ich wiederum in ein anderes Heim verlegt, dieses Mal nach Frönspert/Hemer. Dieses schimpfte sich Lungenheilanstalt, wo ich es Gott sei Dank etwas Besser hatte. Dort musste ich zwar auch arbeiten, in der Heimgrossküche, hatte dort aber mehr Ruhe und wurde auch nicht mit Pharmazeutika behandelt. Dort verbrachte ich dann die Zeit bis zum 21. Lebensjahr und wurde von dort aus auch in die Freiheit entlassen, ohne die vorbereitende Hilfe irgendeiner Institution. Ich bekam für die ersten Tage 45 DM, mit denen ich dann mein Leben selbst in die Hände nehmen musste.

Von dort aus bin ich dann erst einmal bei meiner Tante untergekommen, machte mich aber auch gleich auf zum Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen um zu erfahren, wie ich mich weiterhin auf den Beinen halten sollte. Dort wollte ich auch in Erfahrung bringen, wo die Waisenrente meiner Schwester Karin und mir geblieben ist. Als Antwort bekam ich von der Jugendamtsmitarbeiterin Frau Leming ganz frech gesagt, dass unsere Waisenrente die ganzen Jahre die Heime gefressen hätten und wir die Heime sowieso nur Geld gekostet hätten. Für meinen eigenen Lebensunterhalt müsste ich erstmal arbeiten, dann könnte ich mir auch ein eigenes Leben aufbauen. Weitere Hilfe oder Unterstützung bekam ich von keiner Seite.

Zwischenzeitlich hatte ich mir eine Arbeit besorgt und mein eigenes Leben in den Griff bekommen.

Trotzdem finde ich es bis heute noch nicht zumutbar, dass für mich und meine Schwester die ganzen Jahre im Heim keinerlei Lohn und Sozialabgaben geleistet worden sind. Heute im Rentenalter bekommen wir es sehr krass zu spüren, die Rente ist so niedrig (600 Euro monatlich), dass man damit nicht Leben kann. Würde meine Frau nicht auch arbeiten, könnten wir die heutige Zeit nicht mit diesem Geld überleben.

Ich habe auch zwischenzeitlich bei dem Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen telefonisch versucht Akteneinsicht zu bekommen. Einen persönlichen Termin hatte man mir verwehrt. Aber als Antwort bekam ich, dass in den Akten keine Einsicht mehr möglich wäre, da diese nach so vielen Jahren vernichtet worden wären.

 

P.S.: Daher ist es mein grösster und auch sehnlichster Wunsch, dass diese Angelegenheit, wenn möglich mit meiner Schwester und mir, am runden Tisch in der Öffentlichkeit erörtert würde.

Denn es ist sehr traurig, dass man bis zum heutigen Tag nicht einmal eine Entschädigung anerkannt bekam. Denn schliesslich können meine Schwester und ich nichts dafür, dass wir zu Waisen wurden.

Daher erhoffe ich mir, dass ich alsbald etwas hören werde und verbleibe

mit freundlichem Gruß

Klaus Jansen

 

 

Karin Kremer, geb. Jansen

 Beckum/Westfalen

 

Betreff: Ehemalige Heimkinder

Ich, Karin Kremer, geb. Jansen, bin in Bad Meinberg/Horn am 17.04.1944 geboren und habe noch einen Zwillingsbruder: Klaus Jansen. Nach dem Tod unserer Mutter (Wochenbett), Elisabet Jansen, geb. Sperling. Der Vater Josef Jansen (im Krieg gefallen) kamen wir, Karin und Klaus, nach der Evakurierung ins St.-Michael Kinderheim Wuppertal/Elberfeld und wurden dort von Nonnen umgeben und versorgt.

Nach ca. 2 Jahren kamen mein Zwillingsbruder und ich dann durch das Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen ins Kinderheim Gelsenkirchen, Ahstr. 2a, was auch zugleich eine kirchliche Einrichtung war.

In diesem besagten Kinderheim machten wir unsere ersten schlechten Erfahrungen. Das heißt, wir mussten mit ca. 7-8 Jahren dort auf nackten Knien rutschen und die gemeinschaftlichen Räumlichkeiten mit einer harten Handbürste die Fußböden schrubben, sowie auch mit Bohnerwachs einreiben und dann mit einem ca. 10 kg schweren Bohnerbesen auf Hochglanz bringen und das war für uns Kinder schon Schwerstarbeit.

Wir wurden dort von den Nonnen auch viel geschlagen und gepeinigt. Mein Bruder Klaus ist auf Grund von diesen Misshandlungen im heutigen Erwachsenenalter fast schwerhörig, da man ihm als Kind, wo er auch noch Bettnässer war, die durchnässte Bettwäsche über seinen Körper warf und anschliessend draussen in der Kälte dann mit einem Wasserschlauch und kaltem Wasser bespritzt hatte, sodass das Wasser in den Ohren verblieb und er Jahre danach oft grosse Probleme mit seinen Ohren hatte.

Zwischenzeitlich ist es operativ behandelt worden, sodass die Ohren wieder trocken sind, aber die Schwerhörigkeit geblieben ist. Nunmehr trägt er auf Grund dessen seid mehreren Jahren Hörgeräte.

Als ich, Karin, 9 Jahre alt war, kam ich dann zur ersten Heiligen Kommunion. Dieses sollte ein besonders schöner Tag werden, aber leider musste ich auch an diesem Tag schlechte Erfahrungen machen.

Ich hatte zwar ein schönes Kommunionskleid sowie auch Schuhe bekommen, die allerdings von ausserhalb des Heimes gespendet wurden an, aber nach Anprobe dieser Sachen, musste ich mich wieder entkleiden und meine Schuhe forträumen, dieses hatte ich aber zu spät vernommen, daher geriet die Stationsschwester (Nonne) in Rage, nahm die Schuhe und schlug mir mit diesen auf meinen Kopf ein, sodass ich sofort ein Loch im Kopf hatte.

Man hatte diese Loch anschliessend mit Uhu Alleskleber dann verschlossen, damit es aufhören sollte zu bluten. Bis heute noch kann man die Vernarbung des Loches sehen. Als ich aber diesen Vorfall meiner Tante erzählte, hatte man mir nicht glauben wollen und wurde von der Nonne als Lügnerin dahin gestellt.

Selbst als unsere Beschwerden von unserer Tante an den Leiter des Kinderheimes, das war damals ein Propst von der Katholischen Propsteikirche in Gelsenkirchen, vorgetragen wurden, stellte auch dieser uns als Lügner hin, man glaubte eben nur den Nonnen.

Mit ca. 10 Jahren kamen Klaus und ich dann nach Rheinbach/b. Bonn zur angeblichen Erholung, wo wir aber auch dort 2 volle Jahre dort verbringen mussten.

Auch dort mussten wir die Erfahrung machen, mit sexuellen Nötigungen, viel Schläge und Arbeit.

Der damalige Leiter dieses Kinderheimes im Wiesengrund war Dr. Dawo, er war der Meinung, wir würden nur lügen und wir wären daher auch schwer erziehbar, daher auch dieser Wechsel von Gelsenkirchen nach Rheinbach.

Nach diesen 2 Jahren, wurden wir wieder mal in ein anderes Heim verlegt und zwar ging es von dort aus nach Herten ins St.-Antonius Kinderheim in der Vitusstraße.

Unsere Tante machte uns auch aufmerksam auf unsere Waisenrente. Ich hakte bei dem Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen nach und bekam dort die freche Antwort durch Frau Leming (Jugendamt-Leiterin): Wir würden Heimen sowieso nur Geld kosten, diese Rente sei durch die Heime aufgebraucht.

Des Weiteren machten wir auch in Herten unsere schlechten Erfahrungen, obwohl auch manches mal schöne Zeiten dabei waren.

Wenn wir nach dem Schulunterricht wieder im Heim waren, mussten wir erst einmal Mittag essen und danach sofort unserer Hausaufgaben verrichten. Abschliessend gab es aber kein Spielen, sondern wir mussten als Mädchen dort in der Küche mithelfen, Kartoffeln schälen, Gemüse putzen und auch für den Abwasch sorgen.

Anschliessend war Gartenarbeit angesagt, wie Unkraut jäten, graben und Pflanzen setzen, da auch dieses Heim Selbstversorger war.

Für die Jungens hieß es in den Stallungen Tiere versorgen und ausmisten, dann ging es auf die Felder arbeiten.

Als ich mal von der Schule aus ein Diktat schreiben musste und ich leider dort auch Fehler machte, bekam ich mit einem Persilstock Prügel, sodass mit die Knochen herausstanden, es war wie in einem Zuchthaus. Auch wurden wir in dunklen Kellern eingeschlossen und es gab Essensstrafen (nichts zum Essen). Wir mussten öfters ohne Essen ins Bett, obwohl wir Hunger hatten.

Mit 14 Jahren wurden dann mein Bruder Klaus und ich mit allergröbster Gewalt vom Jugendamt (Frau Leming) auseinander gerissen (getrennt). Mein Bruder kam ins Sauerland zu einem Bauern (Gottfried Börger in Elspe), wo er von morgens früh bis spät abends arbeiten musste und auch dort mit viel Prügel gefügig gemacht wurde.

Ich kam von Herten aus dann nach Köln in das Heim „Zum guten Hirten“. Dort musste ich Schwerstarbeiten ohne Lohn verrichten, aber Morgens und Abends jeden Tag in die Kirche beten gehen.

Des Öfteren kam man, wenn es nicht so lief wie es laufen sollte, tagelang in Isolationshaft – ohne jeglichen menschlichen Kontakt. Von dort aus, wurde ich dann wieder in ein anderes Heim verlegt. Dieses Mal nach Münster, dieses nannte sich auch „Guter Hirte“. Dort musste ich landwirtschaftliche Arbeiten ohne Lohn und Sozialabgaben verrichten. Diese Arbeiten gingen von Morgens bis Abends, jeden Tag. Heute kann ich nur sagen, man war und ist bis auf den letzten Tag nur ein Wrack.

In diesem Haus hatte ich auch sexuelle Nötigung erfahren müssen, das waren für mich bis dahin sehr schwere Jahre, zumal mir auch mein Bruder Klaus sehr fehlte und ich immer danach weinte. Ich wusste aber zu diesem Zeitpunkt nicht, wo er war und wo er sich aufhielt, denn es wurden mir über meinen Bruder keinerlei Auskünfte gegeben, sodass man zumindest hätte Briefkontakt halten können, es tut mir heute noch seelisch sehr weh.

Von dort wurde ich wieder einmal in ein anderes Heim verlegt, dieses mal nach Rinkerode. Auch dort musste ich von Morgens bis Abends in der Landwirtschaft meine Arbeiten verrichten, auf den Feldern des Heimes (Pflanzen setzen, Rüben vereinzeln, Kartoffeln pflanzen und auf Knien abrupfen, Heu und Korn mit einfahren) und auch diese Arbeiten wurden nicht entlohnt und auch keinerlei Sozialabgaben für mich abgeführt. Ich leide heute noch unter Angstattacken. Die ganzen Jahre hieß es nur Arbeiten und nochmals Arbeiten, was ich zum heutigen Tag auch in meiner Rente zu spüren bekomme.

Dieses ist weder zum Leben noch zum Sterben genug und nicht gerechtfertigt. Deshalb wäre mein grösster Wunsch an Sie, dass Sie diese Angelegenheit am Runden Tisch unserer Regierung mit Erfolg vorbringen würden - für eine Entschädigung und Ausgleichszahlung zur Rente. Bis heute weiss ich schon nicht mehr in wie vielen Heimen ich überhaupt noch gewesen bin. Ich bin auch heute noch seelisch-nervlich und physisch am Ende. Die ganzen Jahre verfolgen mich bis heute.

Daher erhoffe ich mir, dass mein Bruder Klaus und ich, einmal das Glück haben werden, am Runden Tisch teilhaben zu dürfen, damit solche Dinge, wie sie uns widerfahren sind, endlich an die Öffentlichkeit und an unsere Regierung herangetragen werden.

 

P.S. Obwohl mein Bruder und ich Vollwaisen sind, wissen wir bis heute noch nicht, warum wir so gedemütigt und nervlich kaputt gemacht wurden. Wir konnten nichts dafür, dass wir keine Eltern mehr hatten. Liebe und gute Worte haben wir in den ganzen Jahren nie zu spüren bekommen.

 

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